Dienstag: “Hochbegabte schreiben doch alle gute Noten!”

16. März 2021

"Hochbegabte schreiben doch alle gute Noten!"

"Ach, du bist hochbegabt? Dann hast du bestimmt super Noten, weil dir alles so leicht fällt, oder?" An diesem Klischee ist durchaus etwas dran: Denn Intelligenz sagt von allen psychologischen Einzelvariablen am besten vorher, ob jemand gut in der Schule ist. Das ist nicht verwunderlich, denn IQ-Tests wurden von Anfang an genau mit diesem Ziel konstruiert. Alfred Binet, der Erfinder des ersten IQ-Tests, hatte vom französischen Schulministerium Anfang des 20. Jahrhunderts den Auftrag bekommen, Aufgaben zu entwickeln, um festzustellen, ob ein Kind gesondert gefördert werden muss oder ob es im regulären Schulbetrieb mithalten kann.

Perfekt ist der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulnoten allerdings keineswegs. Eine Metaanalyse von 2015, die verschiedene Einzeluntersuchungen zu dem Thema zusammenfasste, kam auf eine Korrelation von .54. Was das bedeutet? Ein perfekt positiver Zusammenhang entspräche einer Korrelation von 1; .54 (die Null vor dem Komma lässt man üblicherweise weg, wenn der Wert nicht größer als 1 sein kann) liegt also irgendwo zwischen "gar kein Zusammenhang" und "perfekter Zusammenhang". Umgerechnet bedeutet das, dass knapp 30 % der Unterschiede in den Schulleistungen durch Unterschiede in der Intelligenz erklärt werden können (hierzu muss man die Korrelation nur quadrieren). Diese Schwankungen sind u. a. darauf zurückzuführen, wie man die Intelligenz gemessen hat, ob es um Durchschnittsnoten oder Noten in speziellen Fächern geht etc.

Im Umkehrschluss können wir insgesamt also sagen, dass gut 70 % der Leistungsunterschiede durch andere Faktoren als die Intelligenz zustandekommen. Da ist also noch einiges an Luft nach oben! Was für Faktoren sind das? Ganz vorn steht die Gewissenhaftigkeit, also wie zuverlässig und fleißig jemand arbeitet. Motivation ist ebenfalls wichtig. Und natürlich spielt auch die Umwelt eine Rolle: Wie wichtig die Lehrkraft und guter Unterricht für den Schulerfolg sind, zeigt nicht zuletzt die Hattie-Studie. Hattie ist übrigens methodisch noch mal einen Schritt weitergegangen: Wo normale Metaanalysen Einzeluntersuchungen zusammenfassen, hat er gleich Metaanalysen metaanalysiert, was natürlich noch mal eine ganz andere Aussagekraft erlaubt.

Übrigens: Das Geschlecht beeinflusst laut den oben angeführten Meta-Analyse den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulnoten nicht. Dass Jungen gute Noten schreiben, weil sie schlau sind, und Mädchen, weil sie fleißig sind, ist also auch so ein Mythos, den man getrost in die Mottenkiste der Forschungsgeschichte verbannen kann.