Donnerstag: “Hochbegabte haben doch alle psychische Probleme!”

18. März 2021

"Hochbegabte haben doch alle psychische Probleme!"

Vor einiger Zeit ging eine Studie durch viele Medien in der es hieß, dass intelligente Menschen häufiger an psychischen Erkrankungen leiden würden. Klar werden sich die meisten denken: "Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander" und tatsächlich scheint es laut dieser Studie eine höhere Anzahl von Menschen zu geben welche an Angst- und affektiven Störungen, ADHS, Autismus o.Ä. leiden. Ohne jetzt hierbei jedoch schlechte Publicity für unseren Verein erzeugen zu wollen muss angemerkt werden, das es sich nur um eine Studie mit Mensa-Mitgliedern handelte. Hierbei wurden die Ergebnisse jedoch zum einen nur anhand einer Selbstauskunft und ohne sichere Gewährleistung, dass es sich um eine repräsentative Stichprobe handelte, gewonnen. Zum Anderen handelte es sich nicht um eine bevölkerungs(!)repräsentative Stichprobe, welche man benötigen würde, um Hinweise auf einen sicheren Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und einem hohen IQ zu liefern.

Hierbei bietet es sich außerdem an sich zu überlegen, aus welchen Gründen Erwachsene und gerade auch Kinder sich einer Intelligenztestung unterziehen. Neben reinem Interesse und dem Gefühl sich von anderen zu unterscheiden, wird sicherlich ein Teil unserer Mitglieder einen Test gemacht haben, da sie den Eindruck hatten, dass ihr Potential und ihre Leistung nicht übereinstimmen, wofür eine psychische Erkrankung eine mögliche Erklärung darstellt. Auch wenn man sich überlegt bei welchen diagnostischen Fragestellungen Intelligenztests häufig eingesetzt werden (da dies auch in den Leitlinien der entsprechenden Fachgesellschaften empfohlen wird) verwundert es nicht, dass sich eine höhere Anzahl von Menschen mit bestimmten Erkrankungen (die wiederum häufig mit anderen psychischen Erkrankungen zusammenhängen) unter Mensamitgliedern finden lässt. Wenn wir uns also andere Studien mit repräsentativeren Stichproben und idealerweise Meta-Analysen angucken, zeichnet sich ein teilweise anderes Bild.

So wurde z.B schon in einer Meta-Analyse aus den 80ern ein negativer Zusammenhang zwischen dem IQ und der Entwicklung einer Schizophrenie beobachtet. Auch in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2011 konnte ein negativer Zusammenhang der Entwicklung einer Schizophrenie mit der Höhe des IQ festgestellt werden. Die Autoren gehen hier anhand der Daten sogar davon aus, dass eine hohe Intelligenz einen Schutzfaktor für das Entwickeln einer Schizophrenie darstellen könnte. Auch in Bezug auf Psychopathie zeigt sich ein leicht negativer Zusammenhang in einer Übersichtsarbeit. Wenn man weitere spezifische Erkrankungen betrachtet findet sich jedoch auch einmal der ein oder andere positive Zusammenhang wie z.B. mit Magersucht.

Bei Betrachtung verschiedenster Erkrankungen (ADHS, Bipolare Störungen, Magersucht,...) in bevölkerungsrepräsentativen Stichproben junger Heranwachsender (aus den USA) scheint in einer der größten Studien zum Thema (N = 10073) jedoch insgesamt ein negativer Zusammenhang zwischen dem IQ und psychischen Erkrankungen zu bestehen. Anzumerken bleibt hierbei jedoch, dass es sich bei den meisten Studien nur um Momentaufnahmen handelt, die höchstens korrelative Schlüsse zulassen und auch, dass beim Vorliegen einer akuten Krankheitsphase verschiedene kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind und damit auch ein niedrigerer Gesamt-IQ nicht weiter verwunderlich ist.

In Langzeitstudien zum Thema, wie z.B. Studien zum Thema Schizophrenie (s.o.) oder Studien zum Thema einer "kognitiven Reserve" als Schutzfaktor vor psychiatrischen Erkrankungen oder Demenzen, scheint jedoch eine hohe Intelligenz auch eher als Schutzfaktor zu fungieren. Dies zeigt sich auch darin, dass hochbegabte Jugendliche wohl eine zumindest gleich gute, wenn nicht sogar bessere emotionale und soziale Entwicklung durchlaufen und (bei auch hier sehr dünner Datenlage) anscheinend weniger häufig psychische Probleme entwickeln. Dies heißt jedoch nicht, dass sie nicht mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind, welche es zu beachten gilt.

So lässt sich zusammenfassen mal wieder nur sagen: "Es ist kompliziert und weitere Forschung ist nötig".