Freitag: “Verschiedene Intelligenzen sind gänzlich voneinander unabhängig.”

19. März 2021

"Verschiedene Intelligenzen sind gänzlich voneinander unabhängig."

Diese, in machen Kreisen immer noch weitverbreitete, Annahme geht auf Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen aus den 1980ern zurück. Hierbei bezog sich Gardner bei der Entwicklung nicht auf empirische Daten sondern leitete sieben Intelligenzen anhand "Inselbegabter" historischer Persönlichkeiten ab (Einstein, Picasso, Stravinsky oder Gandhi usw.) und ergänze später noch verschiedene weitere Intelligenzen. In der wissenschaftlichen Psychologie gab es von Beginn Kritik an verschiedensten Teilen von Gardners Theorie (Zusammenfassung). Als am wichtigsten hervorzuheben ist hierbei neben der teils abenteuerlichen Herleitung der verschiedenen Intelligenzen der einfache Fakt, dass bisherige Forschungserbnisse nicht beachtet wurden: "Bemerkenswert ist erstens, wie wenig Gardner die Resultate der mittlerweile hundertjährigen erfahrungswissenschaftlichen Intelligenzforschung würdigt und wie er die «‹MI›-Theorie» [Multiple-Intelligenzen-Theorie] als «neue» Einsicht vermittelt. Nicht wenige der «MI» sind nämlich schon längst im Rahmen «klassischer» Intelligenztheorien thematisiert und in zahlreichen empirischen Studien untersucht worden" (Link) oder Behauptungen aufgestellt wurden die durch die Forschung längst widerlegt sind. So behauptete Gardner, dass seine verschiedenen Intelligenzen unabhängig voneinander seien, was einem der grundlegenden Befunde: der "positiven Mannigfaltigkeit" von intellektuellen Leistungen widerspricht. Hierunter ist die Tatsache zu verstehen, dass bei guten Leistungen in einer intellektuellen Fähigkeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch gute Leistungen in anderen intellektuellen Fähigkeiten zu finden sind. So sind fähige Musiker meist auch hoch intelligent und gute Schulleistungen in einem Fach gehen meist mit guten Schulleistungen in anderen Fächern einher (auf die Unterscheidung zwischen z.B. kristalliner und fluider Intelligenz sowie einer Erklärung des G-Faktors wird an dieser Stelle verzichtet). Dieser positive Zusammenhang zwischen verschiedenen kognitiven Fähigkeiten ist einer der bestbelegtesten Zusammenhänge der Psychologie und zeigt sich auch darin, dass (von verschiedenen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen abgesehen) Inselbegabungen ein eher seltenes Phänomen sind.

Eine weitere häufig genannte Intelligenz ist die der "emotionalen Intelligenz", welche teilweise aus Gardners Theorien hervorgegangen, zu mehr seriöser Forschung geführt hat, jedoch auch nicht ohne Probleme ist. So handelt es sich auch bei dieser Intelligenz nicht um eine "Intelligenz" im klassischen Sinne, sondern eher um einen Sammelbegriff für verschiedene Fähigkeiten und Kompetenzen, welche in den meisten Fällen schon unter anderem Namen untersucht wurden. Zuerst erwähnt von Salevoy und Meyer (1990) wurde "Die" emotionale Intelligenz durch ein Buch eines Wissenschaftjournalisten namens Goleman populär. In der wissenschaftlichen Psychologie breiter Kritik unterworfen, wurde auch hier wieder das nicht zur Kenntnis nehmen bisheriger Forschung angeführt. Je nach Konzept werden unterschiedliche Dinge unter dem Begriff emotionale Intelligenz verstanden: Was von Leistungstests in sozialen Fähigkeiten, Emotions- und Selbstregulation bis hin zu Fragebögen zur Einschätzung der eigenen sozialen Fähigkeiten oder Persönlichkeitseigenschaften sowie der von anderen reicht und somit zwar tlw. etwas real vorhandenes und z.B. im Berufsleben auch relevantes misst, jedoch mit anderen Begriffen besser beschrieben werden könnte. Je nach genauem Messinstrument werden eben jeweils unterschiedliche Dinge gemessen und wie bei vielen anderen "Intelligenzen" wohl eher, der Tatsache dient als vergleichbar mit Intelligenz wahrgenommen zu werden und so Bekanntheit oder Beliebtheit zu steigern ohne die gleiche empirische Fundiertheit oder Messgenauigkeit aufweisen zu können.