Samstag: “Hochbegabte sind doch alle Einzelgänger!”

20. März 2021

"Hochbegabte sind doch alle Einzelgänger!"

So wie bei allen Gruppen gibt es auch über Hochbegabte Vorurteile und bestimmte Stereotype, mit denen man ihre Mitglieder typischerweise verbindet. Neben äußeren Merkmalen (ihr erinnert euch an die Brille ) und der Zuschreibung hoher Kompetenzen in verschiedensten Gebieten (z.B. dem Schreiben guter Noten), welche nur zu Teilen der Wahrheit entsprechen und eher neutrale oder positive Eigenschaften sind, gibt es leider auch das Bild des sozial isolierten und/oder sozial unfähigen Hochbegabten. In verschiedenen Medien wird dieses leider auch immer wieder gerne zur Unterhaltung herangezogen (Big Bang Theory, Sherlock oder Scorpion lassen Grüßen). Leider führt dies neben Diskriminierung auch zu Stigmatisierung hoher Intelligenz. Den Streber, der von vielen gemieden wird, ist ein Bild, dass viele hierbei vor Augen haben. Aber auch z.B. eine Frau, die ihre Leistungen in der Arbeit verbirgt oder weniger leistet als sie könnte um nicht negativ herauszustechen, kann eine Folge dieses Bildes sein (und viele andere Beispiele mehr). Viele Mensaner berichten auch, dass ihre Freude über das Ergebnis ihres Tests und die Erklärung für sich daraus erklärende Phänomene sowie ihre Mensamitgliedschaft schnell zu einem Geheimnis wurden, nachdem viele negative Erfahrungen im Umfeld gemacht wurden. Doch was hat es nun mit diesem Vorurteil wirklich auf sich?

Wie schon im Text zu psychischer Gesundheit erwähnt, scheinen hochbegabte Kinder und Jugendliche wohl eine zumindest gleich gute, wenn nicht sogar bessere emotionale und soziale Entwicklung zu durchlaufen. In einem Übersichtswerk aus dem Jahr 2002 zur sozioemotionalen Entwicklung von Hochbegabten Kindern wird in einem Kapitel zum Forschungsstand die Aussage getroffen, dass es keine Studien gebe die belegen würden, dass hochbegabte Grundschulkinder weniger beliebt seien als ihre Mitschüler sondern sogar, dass sie eher beliebter wären. Laut Daten des Marburger Hochbegabtenprojekts scheinen Hochbegabte diesen Vorteil im Laufe des Heranwachsen zu verlieren, dabei jedoch nicht, wie es das Vorurteil sagt, unbeliebter zu sein als ihr Mitschüler sondern nicht stark vom Durchschnitt abzuweichen. Ein weiterer Befund einer der umfangreichsten Untersuchungen zum Thema Entwicklung hochbegabter Jugendlicher war, dass "Das Urteil der Lehrkräfte [...] eindeutig [war]: Sie beschrieben Hochbegabte als emotional reifer, sozial kompetenter und weniger sozial ängstlich als durchschnittlich Begabte" (nach Freund-Braier, 2009). Hierbei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es sich um "den durchschnittlichen" Hochbegabten handelt. Ein Gefühl anders zu sein, Ausgrenzung aufgrund hoher schulischer Leistungen, störendes Verhalten durch Unterforderung o.ä. können gerade bei weniger gut ausgeprägten sozialen Fähigkeiten (wie sie eben bei Kindern mit verschiedensten kognitiven Fähigkeiten vorkommen) zu Leid und Problemen führen. Gerade die Tatsache, dass insbesondere (wenn nicht meistens sogar nur) Schüler mit sozialen oder emotionalen Problemen in die Verlegenheit kommen einen Intelligenztest zu machen, sozial und emotional kompetente Schüler jedoch meist nie von ihrer Hochbegabung erfahren, könnte ein Grund dafür sein, dass das Bild des sozial schwachen Hochbegabten so weit verbreitet ist.

Doch wie sieht es mit Erwachsenen aus? Eigentlich scheint es naheliegend, dass sozial kompetente Jugendliche ihre Fähigkeiten mit dem Erwachsen werden nicht verlieren, aber sehen wir uns ein paar Befunde dazu an. So zeigte sich in einer Studie zur Messung (einer der vielen möglichen Möglichkeiten) der emotionalen Intelligenz, in diesem Fall im Sinne eines selbst berichteten Persönlichkeitsmerkmals, kein Zusammenhang mit kognitiver Intelligenz. Was im Umkehrschluss auch bedeutet, dass hochintelligente hier nicht schlechter abschnitten. In Bezug auf die Regulation der eigenen Emotionen scheint eine höhere Intelligenz sogar einen Vorteil zu bieten. Insgesamt spricht also wenig dafür, dass Intelligente dem negativen Stereotyp des Einzelgängers mit niedrigen sozialen Fähigkeiten entsprechen (zumindest scheint es davon nicht mehr zu geben als in der Normalbevölkerung auch).