Homeschooling in Luxemburg

15. Februar 2021 | Tags: , , , ,

Homeschooling in Luxemburg

„Ich habe immer auf mein Bauchgefühl gehört“

Interview mit Geneviève Spirinelli-Engels

Wer bist du? Bitte stell dich kurz vor.

Mein Name ist Geneviève Spirinelli-Engels. Ich habe einen Abschluss als Grafikdesignerin, bin aber Vollzeitmutter, und habe eine Umschulung zur Begabtenpädagogin gemacht, um meine Kinder begleiten zu können.
Man muss aber nicht Pädagoge oder Lehrer sein, um Homeschooling machen zu dürfen oder zu können. Jeder darf hier in Luxemburg einen Antrag stellen.

Seit wann bist du bei Mensa?

Ich bin nicht bei Mensa, aber meine beiden Kinder schon. Die Psychotherapeutin meiner Tochter, die auf hochbegabte Kinder spezialisiert ist, meinte aber, die Wahrscheinlichkeit liegt ganz nahe, dass wir beide, mein Mann und ich, auch hochbegabt seien. Ob ich es bin oder nicht, ist mir im Moment nicht so wichtig.

Wie alt ist deine Tochter und seit wann unterrichtest du deine Kinder zu Hause?

Meine Tochter ist dreizehn und mein Sohn zehn.
Bei uns kommen die Kinder, wenn man möchte, mit drei Jahren in eine Kita. Das ist zwar fakultativ, aber es wird schon zur Vorschule gezählt. Mit vier Jahren sind sie im ersten Jahr der Vorschule, mit fünf im zweiten Jahr. Richtiges Einschulen passiert mit sechs Jahren (erstes Schuljahr). Da ist sie ab Weihnachten zu Hause geblieben.
Die Kinder sind jetzt seit sieben Jahren zu Hause.

Warum hast du dich entschieden, die Kinder zu Hause zu unterrichten und sie nicht in die Schule zu schicken?

Es war eher aus der Not heraus. Unsere Vorschule wird bewertet und ab da sind sie „schulpflichtig”.
Überspringen durfte unsere Tochter nicht, da sie ja in der Schule nicht auffällig war, und sie meinten, wir würden sie gerne zu Höchstleistungen zwingen. Sie hat sich immer nach unten angepasst. Im ersten Schuljahr hat die Lehrerin wohl festgestellt, dass sie in Deutsch das Niveau einer Drittklässlerin hat, aber sie wollte dies nicht so in die Zensur schreiben, das wäre ja unfair gegenüber den Klassenkameraden.

Unsere Tochter wurde durch die ständige Unterforderung in der Schule krank, was in einer Schulverweigerung endete. Über drei Jahre wurde uns keine Hilfe seitens der Schule entgegengebracht, so haben wir uns, nachdem wir nach einer Lösung gesucht haben, fürs Homeschooling entschieden. Ihrem jüngeren Bruder haben wir damals die Wahl gelassen, ob er hingehen möchte oder nicht.

Welche Vor- und Nachteile hat das Homeschooling für dich? Welche Chancen und Gefahren siehst du generell?

In unserem Fall sehe ich fast nur Vorteile. Man muss aber dazu sagen, dass „Unterricht zu Hause”, so wie er jetzt in vielen Ländern den Eltern aufgezwungen wird, nicht das Gleiche ist wie Homeschooling. Natürlich hat jeder seine eigene Methode, aber im Großen und Ganzen geht es nicht darum, Kinder nur zu unterrichten.

Wir sehen uns eher als Wegbegleiter. Dieser Prozess hat sich aber über die Jahre entwickelt und verändert sich immer noch. Ich konnte ganz auf die Hochbegabung eingehen und auch viele Situationen vermeiden, welche von nicht Hochbegabten nur schwer nachzuvollziehen sind.

Hochbegabten Kindern kann man die Chance geben, dass sie voll und ganz ungestört ihren Interessen nachgehen können, die oft weit entfernt von denen ihrer gleichaltrigen Klassenkameraden liegen. Die einzige Gefahr besteht in meinen Augen darin, dass es nicht funktioniert, wenn es nicht auf freiwilliger Basis passiert, so wie es jetzt aktuell in den meisten Familien der Fall ist.

Unsere Kinder haben das Recht, jederzeit zurück zur Schule zu gehen, wenn sie dies möchten.

Homeschooling besteht größtenteils aus Kommunikation und viel Vertrauen. Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder und deren Entscheidungen, was ihre eigene Person angeht. Denn Kinder, und vor allem hochbegabte Kinder, sind von Natur aus neugierig und wollen lernen.

Wie wählt man den Lernstoff aus? Wird er von der Schule oder dem Ministerium vorgegeben?

Wir sollen uns an dem vorgegebenen Lernstoffplan des Ministeriums orientieren, welcher der gleiche ist wie der für die Schulen. Dort sind Kompetenzsockel angegeben, auf die man hinarbeiten sollte. Mittlerweile ist das freie Lernen jedoch erlaubt, wenn man ein gutes pädagogisches Konzept vorlegen kann.

Woher bekommt man die Materialien dafür? Oder darf/muss man sich das selbst zusammenstellen?

Das hängt von der jeweiligen Bezirksinspektion ab. Aber die meisten stellen ihr Material selbst zusammen. Es gibt einige Übungsbücher, die von unseren Lehrergewerkschaften auf den Markt gebracht wurden, die sich am gängigen Schulstoff orientieren, das ist eine kleine Hilfestellung.

Wie viel Zeitaufwand ist es für dich pro Tag etwa?

Das Material für die Grundschule suche ich mir für jedes Jahr in den Sommerferien zusammen, so brauche ich nicht jeden Tag etwas Neues vorzubereiten. Das nimmt dann schon einen Monat in Anspruch. Meine Tochter bekommt den Schulstoff, den sie braucht, von der Fernschule.

Wie planst du den Tag? Gibst du deinen Kindern klare Vorgaben, was sie durcharbeiten sollen, oder können sie wählen, was sie bearbeiten wollen?

Für meinen Sohn, der in der dritten Klasse ist, habe ich jeden Tag eine Aufgabe in den jeweiligen Hauptfächern (bei uns Deutsch, Mathe und Französisch) vorbereitet. Meine Tochter hat ihre Fächer selbst ausgewählt, die sie über Fernstudium absolviert. Für den Rest des Tages können sie ihren Interessen nachgehen. Ob sie ihre Aufgaben morgens oder abends machen, ist ihnen überlassen. Hauptsache, sie haben Spaß daran.

Wenn ich richtig verstanden habe, erklärst du deinen Kindern nichts wie eine Lehrerin, sondern lässt sie mit dem Material allein arbeiten. Wie übst du mit ihnen, mündliche Antworten zu geben und ihre Gedankengänge verbal auszudrücken?

Erklären tue ich das erste Mal schon, meistens, indem ich sage, so habe ich es gelernt oder so wird es einem in der Schule beigebracht (zum Beispiel Mathe). Danach frage ich, ob sie es verstanden haben, und lasse es mir erklären. Meistens haben sie schon über dem Erzählen eigene Ideen oder eigene Lösungswege. Diesen Ideenreichtum bemerke ich auch immer, wenn es darum geht, Geschichten nach Bildern zu schreiben.

Und wie ist es mit Sprachen?

Da haben wir es ja hier in Luxemburg viel einfacher. Wir leben in einer multikulturellen Gemeinschaft, und da unsere Kinder in der Grundschule neben luxemburgisch auch noch zwei Fremdsprachen (Deutsch und Französisch) lernen, können sie diese auch gleich im Alltag anwenden.

Wie motivierst du die Kinder, wenn sie keine Lust haben oder ein Thema sie langweilt?

Natürlich gibt es Tage, wo sie nicht so viel Lust haben, aber mit der Zeit wird man flexibel. Wenn etwas nicht funktioniert, probiert man halt was Neues. Die Kinder haben schon Mitbestimmungsrecht, was das Lernen angeht, es ist die Basis des Homeschoolings.

Kannst du mir ein konkretes Beispiel geben für ein unerwartetes Problem, das auftrat, und wie du es gelöst hast?

Es handelt sich wohl hier eher um ein Problem, das viele Eltern von hochbegabten Kindern kennen. Das Auswendiglernen des Einmaleins. Das hat bei beiden Kindern nie funktioniert. Meine Tochter sah den Sinn dafür nicht ein und meinem Sohn war das zu langweilig. Ich habe dann einfach sichergestellt, dass sie wissen, wie man es ausrechnet. Es gab keine Diskussionen mehr: Für die Kinder war es kniffeliger und ich wusste, dass sie die Aufgaben erledigen.

Wird der Lernstand der Kinder regelmäßig kontrolliert? Müssen sie externe Tests machen oder passt du auf, dass sie nichts auslassen?

Wir werden zweimal im Jahr zur Kontrolle gerufen, bei der die Kinder je nachdem Tests machen oder wo nur das ganze Material durchgesehen wird. Da aber das ganze System im Wandel ist, und wir auf dem Weg zu einer Freilerner-Familie sind, werden die Tests weniger, und es wird eher sichergestellt, dass die Kinder Zugang zum Lernen haben und nicht sich selbst überlassen sind. In Luxemburg gibt es die Lernpflicht, aber keine Anwesenheitspflicht in der Schule.

Da hochbegabte Kinder schneller den Stoff durcharbeiten können: Ist es möglich, dass sie in manchen Fächern weiter arbeiten als vorgegeben? Falls ja, werden sie in dem Fach auf dem Niveau geprüft, auf dem sie sind, oder nur altersabhängig?

Da ich ja auf ihre Stärken eingehen konnte, konnte ich es in manchen Fächern akzelerieren. Doch leider steckt der Bereich Hochbegabung bei uns noch in den Kinderschuhen, sodass die ganze Arbeit nicht wirklich berücksichtigt wird. Aber es hängt auch von der jeweiligen Bezirksinspektion ab.

Den Kindern fehlt die soziale Erfahrung, im Klassenverbund zu lernen und sich mit Mitschülern auseinanderzusetzen. Wie gleichst du das aus? Haben sie Hobbys, wo sie viel mit anderen Kindern zusammenkommen?

Es ist eines der größten Vorurteile, dass Homeschooling-Kinder keine sozialen Erfahrungen sammeln würden. Da unsere Kinder zu zweit sind, lernen sie streiten, sich wieder versöhnen, teilen und so weiter. Sie spielen viel mit den Nachbarskindern und haben auch beste Freunde, die sie regelmäßig sehen. Außerdem haben sie Hobbys, wo sie mit anderen Kindern zusammenkommen.

Glaubst du, deine Kinder kämen an der Universität klar, wo es Anwesenheitspflichten und strengere Strukturen gibt? Auch in vielen Berufen gibt es recht starre äußere Anforderungen und Chefs, die nicht diskutieren wollen.

Ja, davon bin ich überzeugt. Musikschulen funktionieren ja auch so in etwa wie Schulen, der einzige Unterschied ist der, dass die Kinder von sich aus dort hingehen. Und wenn einem etwas wirklich wichtig ist, nimmt man auch mal unangenehme Dinge in Kauf. Es geht ja hier nicht darum, Regeln zu brechen. Überall auf der Welt gibt es Kinder oder Erwachsene, ob hochbegabt oder nicht, die sich trotz Schule nicht immer eingliedern wollen. Und seien wir mal ehrlich, mit einem guten Chef lässt es sich auch mal diskutieren.

Welche Tipps würdest du Eltern geben, die jetzt wegen der Coronamaßnahmen eher unfreiwillig ihre Kinder zu Hause unterrichten müssen?

Man sollte Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Kinder haben und vor allem sich und die Kinder nicht unter Druck setzen. Aber es ist schwierig, Tipps zu geben, wenn die Eltern sich an die Vorschriften der Lehrer halten und einen Abgabetermin einhalten müssen.

Wo finden Eltern Informationen darüber, wie sie ihren Kindern den Lernstoff vermitteln können? Etwas zu wissen bedeutet ja nicht, dass man es kindgerecht erklären kann.

Kinder müssen das Lernen nicht erst lernen. Sie tun es von Natur aus, nur jeder auf seine Art und Weise. Am besten lässt man sich von den Kindern leiten. Vor allem hochbegabte Kinder haben oft ihre eigenen Lösungswege. Aber das Internet bietet viele Hilfestellungen an.

Hier einige Links:
alliasbl.lu/de/home-de/
(dort findet man viele Infos übers Homeschooling und Unschooling)
skoyo.de (Lernportal)
vs-material.wegerer.at
www.cned.fr (französische Fernschule)
web-individualschule.de
(Skype-Schule, sie haben Erfahrung mit Hochbegabten und Autisten)
duolingo oder babbel (für Sprachen)

Was hättest du gerne gewusst, bevor du mit dem Homeschooling angefangen hast?

Nichts, es ist ein laufender Prozess und mit der Zeit lernt man, im Hier und Jetzt zu leben. Keiner weiß, wie die Welt in ein paar Jahren aussehen wird, und was die Anforderungen an uns und unsere Kinder sein werden.

Die Auseinandersetzungen mit den Lehrern müssen anstrengend gewesen sein. Haben sie versucht, euch unter Druck zu setzen, damit die Kinder in der Schule bleiben?

Am Anfang hofft man noch auf den guten Willen der Lehrer, aber wenn man mit der Zeit bemerkt, dass sie dir nicht glauben, dann fängt man an, sauer zu werden und manchmal ist man schon erschöpft.

Es waren ja nicht nur die Lehrer. Die erste Psychologin meinte, ich würde meine Tochter als emotionalen Abfalleimer benutzen, da ihr Wortschatz so weit fortgeschritten war und mein Mann zu der Zeit arbeitsbedingt oft im Ausland war. Dazu kam das Getuschel der anderen Eltern und im Dorf.

Meine Tochter ist anders als die anderen Mädchen, liebt Kleider und mag keine Hosen und Socken. Natürlich hat jeder versucht, uns zu überzeugen, wir seien nicht fähig und sie würde nur unsere Grenzen testen. Meine Eltern übrigens auch. Aber ich habe immer auf mein Bauchgefühl gehört.

Als ich dem Schulpsychologen mitteilte, solange man meine Tochter nicht in der Schule unterstützt, bleibt sie zu Hause, bis sie selbst wieder hinmöchte, meinte er, das sei eine super Idee, wenn man dem Patienten die Wahl lässt. Im Moment könne keiner genau sagen, ob es ein Fehler ist oder nicht, das würde man erst in 20 Jahren wissen. Er hat sich nicht sonderlich angestrengt, sie wieder zur Schule zu bewegen, da er nie mit ihr gesprochen hat.

Tut es dir nicht manchmal leid, dass du in deinem Beruf nicht arbeiten kannst, sondern dich um die Kinder kümmerst? Oder ist dafür auch Zeit?

Es tut mir nicht leid, dass ich bei den Kindern geblieben bin. Es war eine bewusste Entscheidung. Es wäre chaotischer geworden, wenn ich zu der Zeit gearbeitet hätte. Und im Moment arbeite ich wieder ein bisschen von zu Hause aus. Wie du siehst, habe ich ja Zeit.