M von nebenan: Abdellah Lasri

3. Februar 2021 | Tags: , , , , , , ,

Abdellah Lasri

Ein Opernstar auf dem Weg zum wahren Glück

Von der Schwierigkeit, einen Lebenstraum mit der Realität zu versöhnen

Abdellah Lasri hat sich einen Kindheitstraum erfüllt und als Tenor-Opernsänger Erfolge gefeiert. Er hat an zahlreichen renommierten Häusern gespielt, war Finalist bei der Operalia, dem größten Opern-Wettbewerb der Welt und wurde in der Opernszene als „Rising Star“ gehandelt. Eine Bilderbuch-Karriere. Warum er trotzdem unzufrieden war und sich auf die Suche nach dem wahren Glück begeben hat, erzählte er uns im Interview.

Charles Gounod’s „Faust“-Oper kannte man hierzulande lange nur unter dem Titel „Margarethe“. Abdellah spielte die Titelrolle des „Faust“ am Aalto-Theater in Essen. Copyright: Karl Forster

Du bist in Marokko geboren und aufgewachsen. Wie bist du zur klassischen Musik und speziell zum Operngesang gekommen?

Da war schon sehr früh eine innere Stimme, die mir gesagt hat: „Abdellah, du endest als Musiker!“ Meine Eltern, insbesondere mein Vater, wollten, dass ich studiere, am Besten als Beamter arbeite. Das war für mich schwierig, denn in der Schule lief es nicht gut. Vermutlich lag das größtenteils an der Hochbegabung, aber davon habe ich erst als Erwachsener erfahren. Die Lehrer hatten, wie mein Vater, kein Verständnis für mich.

Ich habe mich jedoch nicht beirren lassen, für mich war klar: Meine Zukunft lag in den Bereichen Musik und/oder Informatik. Der klassische Weg, also Abitur und Studium, war dafür aber nicht geeignet, zumal ein Hochschulstudium in Marokko sehr teuer ist. Ich habe mich daher entschieden, die Schule abzubrechen. Das war eine sehr harte Entscheidung, aber ich wollte meine Zeit nicht weiter verplempern, sondern meine Energie in meinen Lebenstraum stecken.

Wie haben Deine Eltern reagiert, als du die Schule geschmissen hast?

Das war heftig! Mein Vater ist narzisstisch veranlagt, und das Verhältnis zu ihm war ohnehin sehr schwierig. In dieser Situation hat sich alles zugespitzt. Seine größte Sorge war es, dass die Leute sagen, er habe einen arbeitslosen, faulen Sohn zu Hause. Er wollte, dass ich studiere und einer „normalen“ Arbeit nachgehe.

Das war eine schwere Zeit für mich. Auf der einen Seite hatte ich meine Vision von der Zukunft und wollte losmarschieren. Auf der anderen Seite war da mein Vater, der mir meine Vision kaputt machen wollte, statt mich zu unterstützen. Ich habe mich dann eben auf eigene Faust fortgebildet, insbesondere in Musiktheorie und nebenbei in einem Internetcafé gearbeitet.

Du hast dir also viel autodidaktisch erarbeitet?

Ja, genau. Vor ungefähr einem Jahr habe ich realisiert, dass ich Synästhetiker bin. Für mich bedeutet das, ich sehe die Musik und fühle Konsistenzen. Bis dahin dachte ich, das sei nichts Besonderes, für mich war das einfach Normalität.

Natürlich musste ich mir teilweise auch die Nächte um die Ohren hauen, aber im Großen und Ganzen fiel es mir leichter als den anderen.

Opernsänger ist aber nicht unbedingt die am nächsten liegende Karriere …

Ich habe es geliebt, auf meiner Gitarre zu spielen, aber mit fast 20 Jahren war es schon zu spät für eine professionelle Karriere auf einem Instrument. Beim Gesang ist das anders, weil sich die Stimme ohnehin ständig entwickelt und verändert; da standen mir noch alle Wege offen.

Ich habe in verschiedenen Chören in meiner Heimatstadt Rabat gesungen. Dort bin ich schließlich auf einen wunderbaren Lehrer und Mentor gestoßen, Louis Péraudin, den damaligen Leiter des Chorale de Rabat. Er verstand es, die Leidenschaft an der Musik weiterzugeben, nicht nur die Technik.

Über sein Netzwerk hatte ich dann auch die Möglichkeit, an Meisterklassen teilzunehmen. Die französische Kulturszene ist öfters vor Ort, um marokkanische Musiktalente abzuwerben. Letztendlich habe ich so ein Stipendium bekommen. Das hat mir die Türen in die europäische Opernszene geöffnet.

Seine musikalische Ausbildung absolvierte Lasri am Conservatoire National Supérieur in Paris.
Copyright: Saad Hamza

Denkst du gerne an die Studienzeit in Frankreich zurück?

Das sind gemischte Gefühle. Das Studium war sehr schwer und arbeitsintensiv. Hinzu kommt, dass mir das französische System nicht sehr entgegenkam. Dort wirst du in der Theorie perfekt vorbereitet, aber es fehlt die praktische Seite. Das fühlte sich für mich wie ein zu eng geschnürtes Korsett an.

Heute ist mir klar, warum ich damit so gehadert habe: Vor einem Jahr habe ich die Diagnose ADHS bekommen. Ich lerne nicht beim Stillsitzen, sondern „on the road“, beim praktischen Anwenden.

Auch meine finanzielle Situation war teilweise schwierig. Ab dem zweiten Studienjahr wohnte ich in Paris mit hohen Lebenshaltungskosten. An der Hochschule gab es die Regelung, dass man in den ersten zwei Studienjahren nicht arbeiten darf, das kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Klar hatte ich mein Stipendium, aber da gab es in der vorlesungsfreien Zeit keine Zahlungen. In den Sommermonaten war das Geld daher sehr knapp.

Du hast deinen Abschluss aber trotz dieser Umstände mit Auszeichnung bestanden!

Ja, das stimmt. Das war für mein Selbstwertgefühl sehr wichtig. Unterbewusst hat mich das fehlende Abitur doch mehr belastet, als ich mir eingestehen wollte. Jetzt hatte ich mir selbst bewiesen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe und dass ich etwas bis zum Ende durchziehen kann, wenn ich es mir in den Kopf gesetzt habe. Der ganze Druck fiel danach von mir ab.

Wie kamst du an deine ersten Rollen? Du bist dann relativ schnell nach Berlin gegangen.

Das klappte glücklicherweise sehr gut. Ich hatte schon einen Tag nach meiner Abschlussprüfung Proben für ein Festival in Monte-Carlo und hatte auch in Frankreich verschiedene Engagements. Dort konnte ich allerdings nicht dauerhaft bleiben, weil mein Visum nicht verlängert wurde.

Glücklicherweise bekam ich in dieser Zeit einen Anruf aus Berlin. Dort suchten sie einen Tenor für das Jugend-Ensemble und so wurde ich Mitglied im internationalen Opernstudio der Deutschen Staatsoper. Das war ein wahrer Segen für mich.

Inwiefern?

Weil ich den Beruf dort richtig gelernt habe. Man spielt zwar nur kleine Rollen, aber auf der großen Bühne mit sehr berühmten Leuten. Was man vielleicht nicht unbedingt vermutet: Manchmal sind die kleinen Rollen komplizierter als die langen Passagen.

Stell dir vor, du hast nur einen Satz: Wenn du den nicht ordentlich ablieferst, war es das! Eine zweite Chance bekommst du nicht, mit diesem Eindruck gehst du dann von der Bühne.

Hast du eine Lieblingsrolle?

Meine erste große Rolle war der Rodolfo in La Bohème. Den mag ich sehr, da könnten wir gut und gerne zwei Stunden drüber sprechen. Und auf jeden Fall der Werther, ach, der ist einfach so schön geschrieben!

Das sind beides ja eher dramatische Figuren!

Ja, in der Tat. Dramatische Passagen passen einfach gut zu mir und meiner Stimme. Ich mag komplexe Geschichten, in denen ich ein reiches Gefühlsspektrum zeigen kann. Das entspricht auch eher meiner eigenen Persönlichkeit.

Den „Werther“ finde ich besonders faszinierend, ich sehe da Tendenzen einer bipolaren Persönlichkeit. Er geht von einem Extrem zum nächsten, von super weich und sinnlich zu hoch emotional und dramatisch mit dem ganzen Orchester. Für die Inszenierung in Essen haben wir das sogar noch gesteigert. Das ist es, was mich am Singen fasziniert.

Das hat man wohl auch gespürt: Für den „Werther“ wurde ich von der Bastille-Oper in Paris eingeladen, das war eine große Sache. Ab da ging es mit meiner Karriere steil bergauf.

Das war also der Wendepunkt in deiner Karriere?

Ja, das kann man sagen. Davor war ich ein vielversprechendes Nachwuchs-Talent und nun war ich auf einmal der „Rising Star“. Das war eine verrückte Zeit, das Interesse an meiner Person war groß. In der Pariser Oper wurde angerufen: „Wer ist dieser Abdellah Lasri?“ Es lief richtig gut, ich hatte tolle Angebote und Verträge.

Gibt es einen Bühnen-Moment, an den du dich besonders gerne erinnerst?

Oh ja, das war diese eine Werther-Inszenierung in Paris. Wir waren alle so verbunden, die Künstler untereinander, Sänger und Orchester, aber auch wir auf der Bühne mit dem Publikum. Es waren an diesem Abend ungefähr 3.000 Menschen im Saal und trotzdem war da eine so starke Verbindung!

Ich glaube nicht an Übersinnliches, aber diese Energie zwischen uns, das war magisch. Wir haben uns alle gefühlt, so kann man es vielleicht am Besten beschreiben. Wir waren so ergriffen, dass wir auf der Bühne geweint haben. Das war schon ein sehr besonderer Moment.

Deine Karriere lief also richtig gut. Es ist dann aber in letzter Zeit etwas ruhiger um dich geworden. Was war der Grund?

Ich bekam plötzlich Probleme mit meiner Stimme. Vermutlich wollte mein Körper mir damit etwas sagen.

Mein Lebenstraum war es, mich mit meiner Kunst auszudrücken, zu reisen, mit vielen verschiedenen Orchestern zu arbeiten. Die Realität sieht aber leider etwas anders aus: Wenn du in der Opernwelt bestehen und deinen Lebensunterhalt damit verdienen willst, musst du schon ein bisschen „fake“ sein. Man muss sehr diplomatisch agieren und teilweise wird viel Politik im Verborgenen gemacht.

Das mag ich überhaupt nicht. Im Endeffekt ging es eben nicht vorrangig um die Musik, wie ich es mir mit viel Idealismus ausgemalt hatte. Das habe ich sehr lange nicht sehen wollen, und dann kamen eben die ersten körperlichen Probleme.

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe mir eine Auszeit genommen und hatte das erste Mal seit langer Zeit die Gelegenheit zu reflektieren. Ja, ich war ganz oben angekommen, habe in vielen der großen Opernhäuser gespielt. Finanziell war das natürlich genial, aber wenn ich ehrlich zu mir war, war ich im tiefsten Innersten nicht zufrieden.

Es gab immer seltener besondere Momente und immer mehr Routine. Es war sehr schwer, sich das einzugestehen, und ich habe lange versucht, mich damit abzufinden, dass es nicht jedesmal ein großes emotionales Feuerwerk gibt, wenn ich auf der Bühne stehe. Aber unterbewusst habe ich mich nach dieser Intensität gesehnt.

Da ich auch privat eine schwierige Zeit durchlebt habe, bin ich letztendlich in eine depressive Phase gerutscht. Das war sehr heftig, vor ungefähr einem Jahr hatte ich den Tiefpunkt erreicht. Glücklicherweise habe ich das nun hinter mir gelassen, seit September geht es bergauf, und mittlerweile geht es mir wieder richtig gut, auch stimmlich.

Das Singen ist nach wie vor meine Passion, aber heute weiß ich: Ich muss nicht singen, um zufrieden zu sein! Meine Einstellung zum Glück und zum Glücklich-Sein hat sich total verändert. Glück bedeutet für mich, schöne und wahrhaftige Momente zu schaffen und mit meinen echten Freunden zu teilen.

Was meinst du: Welche Rolle hat deine Hochbegabung in deinem Lebenslauf und vielleicht auch besonders in dieser schwierigen Phase gespielt?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Depression durch die Hochbegabung verstärkt oder jedenfalls gefärbt war. Damit im Zusammenhang steht mein Trauma, abgelehnt zu werden. Im Grunde war ich mein ganzes Leben lang ein Außenseiter, jedenfalls die ersten 27 Jahre.

Als Kind habe ich mich viel in meine Bücher geflüchtet, weil ich mit meinen Altersgenossen nicht so viel anfangen konnte. Zudem war ich oft mit dem Neid der anderen konfrontiert, weil mir manche Dinge sehr leicht gefallen sind. Gleichzeitig musste ich im Umfeld der Musik lernen, mit der ständigen Bewertung und drohenden Ablehnung umzugehen.

Es ist nicht immer objektiv nachvollziehbar, warum der eine Sänger die Rolle bekommt und der andere nicht. Letztendlich zählt eben nicht nur die Technik, sondern das Potential, das die Leute in einem sehen.

Wie hast du das Jahr 2020 erlebt? Als Künstler bist du von der Pandemie vermutlich besonders betroffen.

2020 war für mich super seltsam. Eigentlich wollte ich Anfang des Jahres ein paar Monate Backpacking machen, habe meine Wohnung gekündigt, meine Sachen bei Freunden untergebracht und bin los.

Mein Plan war es, ein schönes Bohème-Leben zu führen, Freunde in Italien zu besuchen, zwischendurch ein paar Proben und Produktionen zu machen. Aber Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich saß zwar nicht auf der Straße, aber ich musste von meinen Ersparnissen leben, hatte keinen festen Wohnsitz und keinen Zugang zu meinen persönlichen Dingen. Das war ingesamt eine grenzwertige Erfahrung.

Für Künstler war es definitiv kein gutes Jahr. Das Hilfspaket war ziemlich schnell aufgebraucht, viele sind auf Arbeitslosengeld II angewiesen, das ist bitter. Im Endeffekt läuft es auf die essenzielle Frage hinaus: Braucht eine Gesellschaft die Kunst oder nicht?

Wie ist deine Antwort darauf?

Ich glaube nicht, dass Kunst verzichtbar ist. Die Menschheit hat sich von Anbeginn ums Feuer versammelt, getanzt und erzählt. Kunst ist Teil des Menschseins, sie schafft es, Emotionen zu generieren.

Ich finde das faszinierend: Man liest ein Gedicht, schaut sich ein Bild an oder hört ein Musikstück, und es gibt eine direkte körperliche Reaktion darauf, Gänsehaut zum Beispiel. Das liebe ich so an der Kunst. Als Künstler kann ich Menschen bewegen und berühren.

Sprachlich mag ich mich nicht immer perfekt ausdrücken, weil meine Gedanken teilweise so verworren sind. Aber die Musik, das ist meine Sprache, meine Art der Kommunikation, die bei den Leuten ankommt.

Lass uns hoffen, dass es bald wieder mehr Normalität gibt. Wie geht es für dich jetzt weiter?

Ich bin gerade wieder nach Essen gezogen in meine eigenen vier Wände. Derzeit arbeite ich an einem vielversprechenden IT-Projekt, das mich gut beschäftigt, habe aber auch noch Zeit, Musik zu machen.

Diese neue Art von Freiheit genieße ich sehr. Ich habe auch wieder meine Leidenschaft entdeckt, selbst Musik zu komponieren. Ich hoffe aber auch, dass ich bald wieder reisen kann, um für weitere Rollen vorzusingen, ich bin mit einigen Operndirektoren in Kontakt. Es wäre toll, wenn ich bald mal wieder auf einer Bühne stehen könnte.

Lieber Abdellah, vielen Dank für dieses spannende und offene Gespräch und viel Erfolg bei deinen künftigen Projekten!

Die Fragen stellte
Natalie Lehmann