Unprominente Prominente: Francisco Tárrega

20. März 2021 | Tags: , , , ,

Unprominente Prominente

20.000 Aufführungen pro Sekunde

Francisco Tárrega, der Komponist des Nokia-Klingeltons

Von Lars-Hendrik Schilling

Name: Francisco de Asís Tárrega y Eixea
Lebensdaten: 21. November 1852 in Villarreal bis 15. Dezember 1909 in Barcelona

In aller Kürze: Das Werk mancher Künstler gerät ungerecht schnell in Vergessenheit. Francisco Tárrega war ein Komponist und gilt als einer der Väter der klassischen Gitarren-Musik und einer der besten klassischen Gitarristen aller Zeiten. Die meisten von uns kennen kein einziges seiner Lieder. Mit einer Ausnahme: Von Tárrega stammt der Nokia-Klingelton, welcher ihn zu einem der meistgespielten Komponisten der letzten Jahrzehnte macht.

Chaotische Jugend, genialer Musiker: Francisco Tárrega. Foto: Wikipedia commons


Im Detail: Francisco Tárrega wurde 1852 in eine sehr musikalische Familie geboren – sein Vater war begeisterter Gitarrenspieler, wenn auch bloß in seiner Freizeit. Eigentlich war er Wachmann.

Als Francisco dann als Kleinkind in einen Bewässerungsgraben stürzte und sich dabei beide Augen verletzte, ging der Vater mit seiner Familie nach Castellón de la Plana. Der Junge sollte als Musiker ausgebildet werden, damit er auch einen Brot-Erwerb hätte, sollte er komplett erblinden. Passenderweise waren Tárregas erste beide Musiklehrer blind.

Begabt, aber ziemlich wild

Der junge Schüler stellte sich als sehr begabt heraus. 1862 hörte der angesehene Gitarrist Julián Arcas ihn spielen und erkannte sein Talent. Er wollte den Zehnjährigen als seinen Schüler mit nach Barcelona nehmen. Sein Vater willigte ein, aber unter der Bedingung, dass Francisco auch Klavier lernen sollte. Ob der Vater seinem Sohn mehr Möglichkeiten für seinen Lebensweg geben wollte oder ob er eine Absicherung suchte, falls das Ganze schiefgehen sollte, scheint niemand zu wissen.

Sollte letzteres der Fall gewesen sein, hätte Tárregas Vater überraschende Voraussicht bewiesen, denn die nächsten Jahre im Leben des Jungen waren ziemlich wild. Als Arcas kurz nach Beginn der Ausbildung auf Tournee ging, lief Tárrega davon – im zarten Alter von zehn Jahren versuchte er, sich in Barcelona durch Auftritte in Gaststätten über Wasser zu halten. Er wurde rasch zu seinem Vater zurückgebracht.

Drei Jahre später lief er wieder weg und schloss sich fahrendem Volk an. Er wurde wieder zurückgebracht und lief wieder weg. Man kann sich das Leben des jungen Franciscos also als sehr chaotisch vorstellen.
Dabei blieb die Musik stets im Vordergrund. 1869 erwarb Tárrega eine Gitarre des etablierten Gitarrenbauers Antonio de Torres, welche besonders laut und klangvoll war und Franciscos Liebe zur Gitarrenmusik besonders entfachte.

Stabilität erlangte er erst 1874, als er einen reichen Händler als Förderer gewann, der ihn an die Musikschule in Madrid schickte. Dort spezialisierte er sich auf Kompositionen für Gitarre. Er begann auch zu unterrichten und Konzerte zu geben.

Tárrega wurde in Spanien und auch im Ausland berühmt, spielte in London und Paris. Seine Stücke waren sehr erfolgreich und werden bis heute von Liebhabern der klassischen Gitarrenmusik gespielt. Er heiratete, wurde 57 Jahre alt. Er lebte sein Leben.

All das ist heute praktisch in Vergessenheit geraten. Um ein Haar wäre der begabte Komponist nur der speziellen Gruppe der Liebhaber der klassischen Akustikgitarre bekannt geblieben.

Erst vergessen, dann kam Nokia

Doch dann kam der finnische Konzern Nokia daher und übernahm (unter Änderung einer Note) eine Passage aus Tárregas Gran Vals als seinen Standardklingelton. Seit 1994 hatte jedes Mobiltelefon dieser Marke das Motiv als Anrufton voreingestellt. Wir reden hier von einem Konzern, der zeitweise der erfolgreichste Handyhersteller der Welt war.

Und so wurde aus einem weithin unbekannten spanischen Gitarren-Komponisten einer der meist gespielten Komponisten unserer Zeit: Im Jahre 2009 soll der Nokia-Klingelton circa 1,8 Milliarden Mal am Tag (≈ 20.000 Mal in der Sekunde) gespielt worden sein. Da können sich Beethoven oder Mozart warm anziehen.

Manchmal bleibt das Werk einer Person durch seltsame Zufälle in Erinnerung, auch wenn sich an die Person selbst kaum jemand erinnert.
Und für alle, die zu jung für ein Nokia-Handy sind (Smartphones gab es in der Mobil-Steinzeit noch nicht), genauso wie für die, die den Ton fast schon wieder vergessen haben, gibt es hier den Link zum Wiedererkennen:

http://mind-mag.de/link/Klingelton.